Poems Niederngasse
Oswald Le Winter
Emil Zatopek: In Memoriam

Nach den letzten hundert Metern stand Er da
als ob nichts geschehen wäre.
Nur die Brust bebte und die Ader im Hals
war ein blauer Drahtseil. Die Menge
auf den Tribünen verstummte minutenlang
ehe ein donnerndes Klatschen ausbrach.
Er schien aus Ton gebrannt, lächelnd
als ein Reporter ihn mit den Finnen verglich.
„Ich bin ein Tscheche, ein einfacher Mann
der laufen kann. Paavo Nurmi war mein Vorbild
seit jeher und bleibt der größte.“ Damals
dachte ich, daß ein gestandener Mann vergißt nie
seinen Namen, seine Herkunft und Platz
in der Welt. Heute, älter, weiss ich, daß man nie
die Unübertrefflichen vergleichen kann.
Jahre später besuchte ich ihn in Prag
und wir saßen im Schatten einer Eiche, beide
von Erinnerungen wie alter Wein versüßt.
Wir haben Tee in Gläsern getrunken
als ein lauer Wind die Blätter über uns streifte.
„Abend kommt jetzt viel zu früh,“ meinte Emil
und blickte auf die Weite als ob Er dort
etwas drohendes sah. Die Stille zähmte uns.
   
Ich habe ihm nur noch im Auge meines Geistes
wieder gesehen, als er barfuß auf den Rasen lief
wie eine Lok, oder sich langsam, nach dem vierten
Gold, anzog und verschwand, als ob die Ruhe
nach der unsterblichen Anstrengung das Wichtigste
wäre. Der lange Tag wuchs in die Nächste
und Übernächste Jahreszeit hinein. Der Rasen
verdorrte, die Eichenblätter lößten sich
von den Ästen und treibten in die Ewigkeit.
Der Himmel blutete im Westen als wir voneinander
Abschied nahmen. Die Erinnerungen blieben .
Er wollte vor dem späten Abendbrot ein Nickerchen.
Ich auch, im Interconti. Ich merkte wie leise
seine Stimme geworden war. Die Halsader war blasser
und dünn wie ein Faden. Seine Haut war Pergament.
Am Gartentor ging jeder in die eigene Richtung,
er ins Haus, ich zur Strassenecke wo der Bus anhielt.
So traten wir fast zusammen in den Taumel
der herannahenden Vergangenheit hinein.

Oswald Le Winter